Anlass unserer Beschäftigung mit Friedrich II. und seinem Castel del Monte war eine Ausstellung im
Württembergischen Landesmuseum in Stuttgart, welche die Ergebnisse der Karlsruher Forschungsgruppe
um Wulf Schirmer und Wolfgang Zick präsentierte. Die exakte Vermessung des Schlosses und die sich daraus fast
zwangsläufig ergebende Verwerfung der bisher bekannten esoterischen Theorien zum Castel del Monte hatten es
unserem Lehrer Martin Kieß im Frühjahr 2001 so angetan, dass er Castel del Monte als Thema für seinen
Seminarkurs 2001/2002 anbot. Es ergab sich eine Gruppe mit 16 Schülern. Andreas Götz wurde als zweiter Lehrer
gewonnen, weil er sich von den naturwissenschaftlichen Aspekten, die das Thema Friedrich II. durchdringen,
angezogen fühlte.
Schon Ende November 2001 war es für alle überraschend zum sensationellen Ergebnis gekommen, über das auch die
Presse ausführlich berichtete. Vor allem Frau Iris Häfner vom Teckboten hatte mit ihrem Bericht
"Beim dritten Fenster fanden sie geradezu Unglaubliches" unsere Entdeckung spektakulär bekannt gemacht.
Die Achteck-Form des Castel del Monte ist aller Wahrscheinlichkeit nach als steinernes Abbild der
Planetenkonstellation vom 26.12.1241, dem 47. Geburtstag Friedrichs II., um 16:40 Uhr Ortszeit Castel del Monte
zu sehen.
Der sagenumwobene Kaiser des Heiligen Römischen Reiches wurde am Sonntag, dem 26. Dezember 1194, auf dem
Marktplatz in Jesi in den Marken, in der Nähe von Ancona geboren. Dass er später so eindringlich auf seinen
Geburtstag und den Geburtsort hingewiesen hat, ist für die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches einmalig.
Nach dem frühen Tode seines Vaters Heinrich VI. und seiner Mutter Constanze wurde er am Pfingstsonntag 1198
in Palermo mit Zustimmung seines Vormundes, des
Papstes Innozenz III.
, als Dreijähriger zum König von Sizilien
gekrönt. Als 20-jähriger wurde er am Jacobustag, am 25. Juli 1215 in Aachen zum Deutschen König gekrönt und
schließlich am Sonntag, dem 22. November 1220, dem Tag der Heiligen Cäcilie, von
Papst Honorius III.
zum Kaiser
des Heiligen Römischen Reiches eingesetzt.
Am 18. März 1229 - es war wieder ein Sonntag - krönte sich Friedrich selbst zum König von Jerusalem, indem er
sich die Krone des Königreiches Jerusalem aufsetzte.
Auffallend ist dann, dass er im Jahre 1233 seinen 39. Geburtstag im Königreich Sizilien öffentlich feiern lässt,
also acht Jahre vor seinem für uns wichtigen Geburtstag.
Man weiß, dass Friedrich II. am 28. Januar 1240 anordnete, Baumaterial zum Errichten eines Castels auf den Hügel
zu schaffen, auf dem die Kapelle Santa Maria del Monte stand.
Nachdem sein größter Gegenspieler,
Papst Gregor IX.,
am 22. August 1241 gestorben war und der am 25. Oktober
gewählte Coelestin IV. ihm bereits 15 Tage später ins Grab nachfolgte, herrschte auf dem Papstthron 22 Monate
lang Sedisvakanz. In dieser Zeit war Friedrich II. der unumschränkte Herrscher des Abendlandes. Erst wieder
1245 entstehen für ihn größere politische Probleme.
Um auf das Jahr 1241 zurückzukommen: Am 1. Dezember 1241 starb seine dritte Frau, Isabella von England, in
Foggia
und wurde in der Kathedrale von
Andria,
der Friedrich immer treu ergebenen Stadt, also in der
unmittelbaren Nähe des damals erst geplanten Castel del Monte neben der zweiten Frau Jolande bestattet.
Man weiß, dass sich Friedrich II. im Dezember 1241 in seiner Hauptresidenz in
Foggia
aufgehalten hat, also
wohl am Sterbebett seiner Frau zugegen war und vermutlich auch bei ihrem Begräbnis in
Andria. Von dort aus
waren Ausflüge zu dem nahen Hügel in der Murge, auf dem das Castel erbaut werden sollte, durchaus denkbar.
Aus unserer Sicht fand dann die feierliche Grundsteinlegung von Castel del Monte in seiner Anwesenheit
am 26. Dezember 1241, also an seinem 47. Geburtstag, zwischen 16 und 17 Uhr statt.
Wie eine Weihe dieser Art im 13. Jahrhundert ausgesehen haben könnte, mit repräsentativen Gästen, der
Hofastrologenschar und Priestern, kann heute nicht mehr unbedingt nachvollzogen werden. Immerhin gibt es
ein Zeugnis für eine astrologische Grundsteinlegung durch
Guido Bonatti oder Bonatto,
dem führenden Astrologen des
13. Jahrhunderts, der in jungen Jahren am Hofe Friedrichs II. sein Handwerk gelernt hatte. Der größte
Kunsthistoriker des 19. Jahrhunderts, der Basler
Jacob Burckhardt,
berichtet, aus seiner biedermeierlichen Sicht, in seiner
"Cultur der Renaissance in Italien"
von 1860 folgendes:
zunächst wird
allen Kindern angesehener Familien das Horoskop gestellt, und bisweilen schleppt man sich
hierauf das halbe Leben hindurch mit irgend einer nichtsnutzigen Voraussetzung von Ereignissen, die nicht
eintreffen. Dann werden für jeden wichtigen Entschluss der Mächtigen, zumal für die Stunde des Beginnens,
die Sterne befragt. Abreisen fürstlicher Personen, Empfang fremder Gesandten, Grundsteinlegungen großer
Gebäude hängen davon ab. Ein gewaltiges Beispiel der letzteren Art findet sich im Leben des oben genannten
Guido Bonatto,
welcher überhaupt durch seine Tätigkeit sowohl als durch sein systematisches Werk der
Wiederhersteller der Astrologie im 13. Jahrhundert heißen darf.
Um dem Parteikampf der
Guelfen und Ghibellinen
in
Forli
ein Ende zu machen, beredete er die Einwohner zu einem Neubau ihrer Stadtmauern und zum feierlichen
Beginn desselben unter einer Konstellation, die er angab. Wenn dann Leute beider Parteien in demselben Moment
jeder seinen Stein in das Fundament würfen, so würde in Ewigkeit keine Parteiung mehr in Forli sein.
Man wählte einen Guelfen und einen Ghibellinen zu diesem Geschäfte. Der hehre Augenblick erschien, beide
hielten ihre Steine in der Hand, die Arbeiter warteten mit ihrem Bauzeug, und Bonatto gab das Signal,
- da warf der Ghibelline sogleich seinen Stein hinunter, der Guelfe aber zögerte und weigerte sich dann
gänzlich, weil Bonatto selber als Ghibelline galt und etwas Geheimnisvolles gegen die Guelfen im Schilde
führen konnte. Nun fuhr ihn der Astrologe an: "Gott verderbe dich und deine Guelfenpartei mit eurer
misstrauischen Bosheit! Dies Zeichen wird 500 Jahre nicht mehr am Himmel über unserer Stadt erscheinen!"
In der Tat verdarb Gott nachher die Guelfen von Forli, jetzt aber sind Guelfen und Ghibellinen hier doch
gänzlich versöhnt, und man hört ihre Parteinahmen nicht mehr.
Das nächste, was von den Sternen abhängig wird, sind die Entschlüsse im Kriege. Derselbe Bonatto verschaffte
dem Ghibellinenhaupt
Guido da Montefeltro
eine ganze Anzahl von Siegen, indem er ihm die richtige Sternenstunde
zum Auszug angab. Als Montefeltro ihn nicht mehr bei sich hatte, verlor er allen Mut, seine Tyrannis weiter
zu behaupten, und ging in ein Minoritenkloster. Noch lange Jahre sah man ihn als Mönch terminieren. Bonatto stieg,
wenn siegverheißende Konstellationen nahten, mit Astrolab und Buch auf den Thron von San Mercuriale über der
Piazza und ließ, sobald der Moment kam, gleich die große Glocke zum Aufgebot läuten. Doch wird zugestanden,
dass er sich bisweilen sehr geirrt und das Schicksal des Montefeltro und seinen eigenen Tod nicht voraus
gekannt hatte. Unweit Cesena töteten ihn Räuber, als er von Paris und italienischen Universitäten, wo er
gelehrt hatte, nach Forli zurück wollte.
Soweit Jacob Burckhardt. - Ich fasse zusammen, dass er im Jahre 1860 dokumentierte, dass Horoskope zu
Grundsteinlegungen großer Gebäude herangezogen wurden und Guido Bonatto im 13. Jahrhundert astrologisch
begründete Zeremonien durchführte. Diese Belege sind für unsere Deutung des Baus von Castel del Monte von
Bedeutung. -
Damit wären wir nun in der Gedankenwelt der Astrologie angelangt, die damals als Wissenschaft galt, heute
von vielen belächelt und mitnichten für ernst gehalten wird. Dies ist aber ohne Belang, denn es gilt für
die heutige Forschung einfach nur, sich in dieses Denken der damaligen Menschen hineinzuversetzen, um ihre
Handlungsweise verstehen zu können.
Wir dürfen uns die Grundsteinweihe von Castel del Monte durchaus als seltsam aber großartig vorstellen,
zumal an einem süditalienischen Spätnachmittag fünf Tage nach der Wintersonnenwende, als die Sonne gerade
im Untergehen begriffen war.
Am Himmel wären dann mit fortgeschrittener Uhrzeit und aufkommender Dunkelheit Mars und Jupiter immer besser
zu sehen gewesen, während Saturn, Mond und Venus erst in mehreren Stunden aufgehen sollten.
Zusammen belegten die genannten Planeten sowie Sonne und Mond an diesem Tag, am 26. Dezember 1241, zu
diesem Zeitpunkt, um 16:40 Uhr, und genau an den Fundamenten des Castel del Monte sechs Ecken eines nahezu
regelmäßig in den Tierkreis einbeschriebenen Achtecks.
Die Sonne stand auf 12,5° Steinbock und ging gerade im Westen unter. Im Osten stand der nicht von einem
Planeten belegte 13. Grad des Krebses. Dieser Ort bestimmte nach dem Glauben der Alten den günstigsten
Zeitpunkt der Grundsteinlegung. Er sollte wie jeder Grad des Tierkreises mit bestimmten Dämonen besetzt sein,
die vor allem das weitere Schicksal des Schlosses bestimmten, im Oktett mit den restlichen Ecken des Achtecks.
Der aufsteigende Tierkreisgrad hieß früher Horoskop (was bedeutet "die Stunde anzeigend", von griech.
horos = die Stunde und skopein = schauen). Heute wird er Aszendent genannt (aus dem Lateinischen
ascendere = aufsteigen).
Auf 13° Widder stand noch eine Ecke des Achtecks scheinbar leer. Aber sie war eigentlich schon längst mit
dem Glückspunkt besetzt. Der Glückspunkt hat gemäß seiner Definition genau auf diesem Platz im Tierkreis
zu stehen, und nach dem Glauben der Alten hat er das Schicksal entscheidend mitzubestimmen, wie schon
Claudius Ptolemäus
in seinem Tetrabiblos, geschrieben in der Mitte des 2. Jahrhunderts, betonte:
Neben Sonne und Mond sind Aszendent und Glückspunkt die entscheidenden Indikatoren für die Langlebigkeit
von Menschen, aber auch für die Dauerhaftigkeit von Bauwerken.
Wenn ich mich nun, um diese Positionen zu veranschaulichen, ein Mal im Kreis herum drehe, und ich wäre
jetzt am 26. Dezember 1241 auf dem Hügel des Castel del Monte, dann hätten sich am Himmel (bzw.
unterhalb des Horizonts)
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im Osten |
der Aszendent, |
(12,5° Krebs) |
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45° weiter |
Saturn, |
(Jungfrau / Löwe) |
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im Norden |
der Mond, |
(12,5° Waage) |
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noch einmal 45° |
weiter die Venus, |
(Schütze / Skorpion) |
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im Westen |
die Sonne, |
(12,5° Steinbock) |
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dann |
der Mars, |
(Fisch / Wassermann) |
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im Süden |
der Glückspunkt, |
(12,5° Widder) |
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und schließlich |
Jupiter |
(Zwillinge / Stier) |
befunden. Sie können das anschauliche Modell dieser Sternenpositionen in Form des über zwei Meter großen
Ringes in der Ausstellung sehen oder haben das bereits getan.
Warum wird in all diesen Überlegungen nun so großer Wert auf das Achteck gelegt? Was ist das besondere
gerade an der Zahl acht?
Nun, seit alters her, während der ganzen Geschichte des christlichen Römischen Reiches, stand die Acht als
Symbol für Christus.
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Abb 5: Mosaik mit achtstrahligem Stern
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Abb 6: Achtstern von Bethlehem, 5 v.Cr.
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Das Oktogramm, ein aus acht Linien in einem Zug gezogener acht-zackiger Stern, gilt als das Symbol Christi.
Eine andere Variante ist die Darstellung aus vier sich kreuzenden Linien, wie im gezeigten Bild.